Sie sind da
Heute morgen ist die Sonne nicht aufgegangen. Ich habe mich zuerst gar nicht gewundert, da ich noch immer die Sonnenbrille auf der Nase trug. Ich war wohl sturzbetrunken von dem Feuerwehrfest spät heimgekehrt und mich gleich ins Bett fallen lassen. Als ich die Nachtischlampe ausschaltete, bemerkte ich wie dunkel es plötzlich im Zimmer war. Die Jalousie war aber ganz nach oben gezogen, Vorhänge hatte ich keine. Die Uhr auf dem Kirchturm gegenüber konnte ich nicht lesen, also sah ich zum Radiowecker: halbelf – zehn Uhr fünfunddreißig, helllichter Tag! Eine Sonnenfinsternis war nicht angekündigt. Ich öffnete das Fenster. Mit einem leisen Fauchen, sprang die Katze ins Zimmer und hechtete gleich unters Bett. Die Luft roch frisch, kein Rauch oder Gas konnte ich wahrnehmen. Es war nahezu windstill, nur etwas kühl für die Jahreszeit. Ich ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein. Aber es kam nicht mal ein Schneetreiben, nur blankes Schwarz füllte den Bildschirm. Kein Ton. Mal nachsehen, ob die Zeitung im Briefkasten war. Im Hausgang begegnete mir ein Nachbar. Er murmelte nur: „So ein Mist, das musste ja mal so kommen,“ und ging schnurstracks in den Keller. Die Zeitung war da, aber keine außergewöhnliche Schlagzeile, kein Katastrophenbericht. Nur auf der ersten Seite Lokales fand ich eine kleine Meldung. Ein Bauer war beim Ernten seines Getreidefeldes spurlos verschwunden. Auffällig waren aber die vielen Spinnen, die über sein Feld krabbelten. Ich sah noch mal konzentriert aus dem Fenster. Und dann sah ich sie: auf allen Sträuchern und Bäumen im Garten krabbelte ein dicke Decke aus diesen kleinen Monstern. Einige schienen sich direkt aus dem Himmel abzuseilen – aus einem dichten schwarzen Dach aus Spinnenfäden. Deshalb drang die Sonne nicht mehr bis zum Boden durch. Na, das war ja ein schöner Salat.
Ein einziges Spinnennetz ist zigmal bestaunens- und erinnerungswerter als die gesamte Jahresproduktion eines großen Automobilkonzerns oder die Rekordeinschaltquote eines Megasportereignisses. Wir müssen uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen wollen. Wo wir hinkommen wollen. Wo wir bleiben wollen.

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