Identität
Ich bin es. Ich lebe, fühle, rieche, schmecke, höre, sehe, gehe, schlafe, esse, denke, liebe, glaube, schimpfe, singe und staune.
Mein blondes Haar weht im Wind und meine blauen Augen glitzern in der Sonne. Die Welt erscheint mir unbegreiflich, das Universum eine bloße Vorstellung der Unendlichkeit. Die Nacht ist mir vertraut, aber der Tag erscheint als leere Versprechung. Das Helle blendet bis das Dunkle tröstet. Nichts ist erreichbar. Meine Erfahrungen lösen sich im Vergessen auf. Es ist so wie ich bin. Die Frage nach einer Antwort stellt sich nicht.
Deutschland atmet: Am Meer weht eine kühle Brise, die Wellen rollen über den gekiesten Strand. In der Stadt geht ein leichter Wind, die Abgase der Autos erreichen die Nasen der Kinder. Auf dem Gipfel des Berges tobt ein Gewittersturm, ein dichter Regenvorhang versperrt den Ausblick ins Tal.
In München ist heute zwischen 08:37 und 08:42 etwas außergewöhnliches geschehen: alle Menschen, die genau in diesen fünf Minuten eine Tram, einen Bus, eine U- oder S-Bahn verpasst haben, fanden sich eine Minute später – als sie sich gerade noch über sich selbst oder über das entwischte Verkehrsmittel oder über Murphy’s Law ärgerten – in einer großen weißen Halle wieder. Viele hielten es zunächst für einen Flugzeughangar und staunten über die enorme Helligkeit des weiten Raumes. Als, die Menschen die anderen sahen, richteten sie das Wort an sie, doch ihre Stimmen waren nicht zu hören, nicht einmal von ihnen selbst. Es herrschte eine absolute Stille, sogar als einige mit den Füßen aufstampften und wild herumsprangen, entstand keinerlei Geräusch. Da wurde es den ersten etwas mulmig und sie gingen auf die anderen zu, wollten sie berühren, doch je näher sie kamen, desto weiter schienen diese von ihnen entfernt zu sein. Auch die hellen, weißen Wände der Halle konnte niemand erreichen, der Raum schien unendlich. Allmählich wurden alle – es waren gut dreihundert Leute – ruhiger und setzten sich auf den Boden, der sich warm und gepolstert anfühlte wie eine Turnmatte. Plötzlich war doch etwas zu hören: das Pochen der vielen Herzen wuchs zu einem monströsen Rattern an, nach und nach glichen sich die einzelnen Rhythmen einander an und waren kaum noch zu unterscheiden. Übrig blieb ein einziger gemeinsamer Herzschlag, was die Menschen zutiefst harmonisch und friedvoll stimmte.
Ich betrat den Raum durch einen unsichtbaren Eingang und setzte mich mitten unter die Menschen.

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