Mir wird schwindlig

Erinnern setzt Vergessen voraus. Oder ist Vergessen eine Folge des Erinnerns? In meiner Erinnerung habe ich einiges vergessen. Ich vergesse mich zu erinnern. Ich fahre im Auto und sehe von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel. Was ich dort sehe, liegt eigentlich in meiner Vergangenheit, zumindest ortsbezogen. Was ich dort sehe, dort war ich bereits, ich weiß nicht, ob ich dort noch einmal hinkomme. Um sicher zu gehen, müsste ich das Auto umgehend wenden. Was ich im Rückspiegel sehe, muss mir zu großen Teilen gleichgültig sein. Denn vor allem muss ich nach vorne in die Fahrtrichtung sehen. So ist das mit dem Erinnern auch: sehe ich zu sehr in die Vergangenheit, verliere ich womöglich die Kontrolle über die Straße, die vor mir liegt. Sehe ich nur nach vorne, nie nach hinten, bemerke ich vielleicht zu spät, dass etwas aus meiner Vergangenheit heraneilt, mich überholt und dabei aus der Bahn wirft. Aber ohne Erinnerungsvermögen wären Liebe, Hass, also Zuneigung oder Ablehnung anderer Menschen und eigener Eigenschaften nicht denkbar. Die guten und schlechten Erfahrungen, die sich in meinem Gehirn, ja sogar in meinem ganzen Körper als Gedächtnis ausgeprägt haben, bestimmen wie ich das vor mir Liegende bewerte.Herzschlag Manche Menschen sind überwiegend ängstliche Naturen, oft haben sie gar nicht selbst Schlechtes erlebt, sondern übernehmen nur die Haltung der Mutter, der Eltern oder anderer nahestehender Personen. Andere wiederum sind durch und durch optimistisch, verfügen über ein Grundvertrauen, das eigentlich nichts wirklich schief gehen könne. Da wird dann von Gottvertrauen gesprochen. Merken kann mensch sich sowieso nur, was er mit etwas schon Bekanntem verknüpfen kann. Was aber war das aller Erste was ein Mensch in seinem Leben im Gedächtnis abgespeichert hat? Da sich das Gehirn schon im Mutterleib entwickelt, passierte es also dort. Sehr früh bekommt der heranwachsende Embryo Geruchs- und Höreindrucke in der Gebärmutter. Riechen kann er dabei nur seine Mutter von innen, indirekt vielleicht was durch die Nahrungsaufnahme und Atmung der Mutter von außen nach innen dringt. Zu Hören sind erst mal auch nur die Organtätigkeiten der Mutter, aber auch alle Geräusche und Töne, die in der Umgebung der Mutter tönen. Zu aller erst aber dürfte der heranwachsende Mensch seinen eigenen Herzschlag, der in der Gebärmutter wiederhallt, hören. Dieses Bumm-Bumm ist also die Urmatrix, die erste Erinnerung, an die der Rest der Welt stetig angeknüpft wird. Welch Schock, wenn nach der Geburt, dieser eigene Herzschlag nicht mehr in dieser Lautstärke vom Neugeborenen vernommen werden kann. Wuff! Wenigstens kann so ein Säugling jetzt schreien, selber Lärm machen. Wau! Welch Labsal wenn der junge Mensch seinen eigenen Herschlag, diesen Takt des Lebens, in der Musik wiederentdeckt. Später als bei den Vögeln, die schon im noch verschlossen Ei zu zwitschern beginnen. Der ungeborene Mensch weiß bereits, dass er existiert, weil er seinen Herzschlag hören kann. Nach der Geburt kommen sofort tiefe Zweifel über ihn: existiere ich? Das wahre Leben eines Menschen spielt sich bereits im Mutterleib ab. Herzschlag2Danach zweifelt er in einem Zwischenreich ob seiner Existenz, bis er stirbt. Im Sterben, wenn der Mensch die Welt wieder nur noch hörend wahrnimmt – wie es im Totenbuch der Tibeter beschrieben wird – wird er sich ein zweites mal bewusst: ja, ich existiere! Es gibt übrigens noch eine zweite Funktion des Gehörsinns, nämlich den Gleichgewichtssinn. Diese – quasi – Wasserwaage in den Ohren arbeitet im Mutterleib schon genauso zuverlässig wie nach der Geburt. Das erklärt warum, vor allem von Kindern, alle Bewegung, die den Gleichgewichtssinn strapaziert, so begehrt wird. Manche Menschen fasziniert das eigene Ausbalancieren des Körpers so sehr, dass sie viele Jahre lang rege Sport treiben.In den Tänzen der Sufis findet dieses Bestreben sogar eine tiefe spirituelle Kultur. Menschen, die viel Sport treiben oder auch viel Musik hören/machen erscheinen mir immer als besonders lebendig, weil sie diesen Zweifel über die eigene Existenz äußerst aktiv zum Ausdruck bringen. Mir wird schwindlig, also lebe ich!

~ von vorlauscher am 2009/09/16.

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